Grundschule Pommersfelden

 

02.02.2017

Vortrag zur Entwicklung und Bedeutung der Feinmotorik

Vom ersten Strich bis zum Hefteintrag - Zur Entwicklung und Bedeutung der Feinmotorik

Unter diesem Motto stand die gemeinsame Fortbildung der Grundschule Pommersfelden zusammen mit den drei Kindergärten ihres Schulsprengels – Pommersfelden, Steppach und Zentbechhofen – sowie der benachbarten Grundschule und Kindergarten in Burgebrach.

Nachdem im Vorfeld immer größere Schwierigkeiten und Auffälligkeiten bezüglich der Stifthaltung bei Schulanfängern aufgefallen waren, sowie in der Öffentlichkeit und dem Neuen Lehrplan zudem die Frage nach der Notwendigkeit einer „ordentlichen“ Handschrift immer wieder kontrovers diskutiert wurde, war es dem Schulleiter Claudio Pütz gelungen, die renommierte Bildungsforscherin Stephanie Ingrid Müller vom mediastep-Institut in Nürnberg als Referentin zu diesem wichtigen Thema zu engagieren.

In der Turnhalle des Schulhauses Pommersfelden fanden sich am 2. Februar diesen Jahres nicht nur LehrerInnen und ErzieherInnen der beteiligten Institutionen, sondern auch etwa 60 interessierte Eltern ein, um den durch viele wissenschaftliche Forschungen abgesicherten Erkenntnissen der Referentin zu folgen.

In ihren gut zweistündigen frei und sehr lebendig vorgetragenen Ausführungen wurde deutlich, wie sehr die durch zunehmende Digitalisierung und Medienkonsum veränderte Kindheit die spätere Entwicklung einer Schreibkultur meist negativ beeinflusst.
Mit vielen Erinnerungen an die eigene Kindheit schaffte es Frau Müller, die Anwesenden immer wieder zu zustimmendem Kopfnicken, Lachen oder sogar zu wieder ins Gedächtnis gerufenen Bewegungsabläufen zu bringen, ohne dabei zu sehr in die Schiene „Früher war alles besser“ zu rutschen. Weder die Notwendigkeit der neuen Medien noch ein verantwortungsvoll gelernter Umgang mit diesen wurde in Frage gestellt. Allerdings wurde sehr wohl deutlich gemacht, dass es definitiv ein „zu früh“ gibt und dies vor allem im Verantwortungsbereich und der Vorbildfunktion der Eltern läge.
Im Kleinkindalter sollte nach Möglichkeit komplett auf Fernsehen verzichtet werden, im Kindergarten- und Schulalter sollten TV und PC-Zeiten konsequent begrenzt sein. So könnte man laut Untersuchungen nicht nur Konzentrationsproblemen oder sogar ADS/ADHS entgegenwirken, sondern mehr Zeit in dringend notwendige „Fingerfertigkeiten“ investieren, die heutigen Kindern oft leider abhanden gekommen sind.

Nicht die Beweglichkeit des Daumens (!), sondern Zangen-, Pinzetten- und Dreifingergriff sind die Dinge, die den Menschen vom Affen unterscheiden und bereits im Kleinkindalter trainiert werden müssen.
Das Schreiben ist nämlich eine kulturelle Leistung des Menschen, die nicht genetisch angelegt ist, sondern tatsächlich von jedem neu gelernt werden muss. Hierbei sind gut entwickelte sensomotorische Fähigkeiten die wichtigste Voraussetzung. Somit sind alle Spiele und alltägliche Übungen, bei denen etwas gegriffen (Bügelperlen, Steck- und Fadenspiele) oder geformt (Knete, Sand, Plätzchenteig, …) werden muss, uneingeschränkt empfehlenswert.
Da sich Feinmotorik aber auch durch Grobmotorik entwickelt, müssen bereits vor dem Schuleintritt vielfältige Bewegungserfahrungen v.a. zur Gleichgewichtsschulung oder Raum-/Lageerfahrung gemacht werden. Dazu gehören z.B. Krabbeln, Schaukeln, „Rollerfässchen“, Purzelbaum, über-Kopf-hängen oder Balancieren. Wer sich als Kind so vielfältig wie möglich frei bewegen durfte, erspart sich später womöglich die Ergotherapie.

Nur wer es durch solch unterschiedliche motorische Vorerfahrungen geschafft hat, eine gut entwickelte und aufeinander abgestimmte Handmuskulatur zu entwickeln, kann dann in der Schule beim Schreiblernprozess durch die richtige Stifthaltung (Schulter -> Arm -> Handgelenk -> Finger) vorgegebene Bewegungsabläufe so entspannt erlernen, dass er sie dauerhaft abspeichert, über längere Zeit (z.B. bei Prüfungen) ausführen kann und dabei zusätzlich den Kopf frei hat zum „Mitdenken“.

Die Endphase und Königsdisziplin dieses Schreibprozesses, wäre dann der korrekte Umgang mit dem Füller. Dieser funktioniert, im Gegensatz zu Bleistift oder Kugelschreiber, nämlich nur dann perfekt, wenn Neigungswinkel und Federdruck optimal sind. Wer dies beherrscht, wird später mit jedem Schreibgerät zurechtkommen.

Am Ende der Veranstaltung stand Frau Müller sowohl im Plenum als auch privat für Fragen zu Verfügung. Insgesamt war es eine mehr als gelungene Fortbildung, die aufgerüttelt und bewusst gemacht hat, wie wichtig Bewegung und sensomotorische Erfahrungen für die kognitive Entwicklung im Allgemeinen und für das Schreiben im Besonderen ist. Sie macht aber auch Mut, denn unterlassene Bewegungsabläufe können nachgelernt werden.

Vielen Dank an unsere Vorschuleinrichtungen, die in ihrer Erziehungsarbeit die richtigen Schwerpunkte setzen und an alle Eltern, die sie darin unterstützen.

Wir danken auch herzlich dem Elternbeirat, der sich am Vortragsabend um Einlass und Erfrischungsgetränke gekümmert hat.


Zusätzliche und weiterführende Links zu diesem Thema:

Einladung der Schule

Zusatzinformationen zum Vortrag

Ausführlicher Bericht als pdf

Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterMediastep Institut

Öffnet einen externen Link in einem neuen Fenster"In Schülerhände gehört ein Füller" (Interview Nbg. Zeitung, 15.10.2016)

Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterWas hat Handschrift mit Lernentwicklung zu tun?
Handschrift und dig. Medien
(Interview mit S. Müller, Youtube-Beitrag)